Der Markt beginnt, bevor die Sonne die Hausmauern erreicht hat. Auf der Place du Lavoir, benannt nach dem alten Waschbrunnen in ihrer Mitte, reihen sich fünfundzwanzig Stände in einem engen Halbkreis — Käse, Gemüse, getrocknete Kräuter, Honig, ein Tisch mit handgefertigten Töpfen. Alles kommt aus einem Umkreis von dreißig Kilometern. Das ist keine Marketingformel, sondern schlicht die Geographie dieses Hinterlandes, das sich zwischen Lavendelfeldern und Kalksteinkämmen auffaltet, weit weg vom Trubel der Küstenstraßen.
Saint-Aubin-les-Oliviers ist ein Dorf, das man nicht sucht — man findet es. Sechshundert Einwohner, eine Bäckerei, eine Kirche mit schiefer Wetterfahne und, donnerstags, dieser Markt, der die ganze Woche zusammenhält. Wer früh genug kommt, sieht noch, wie die Händler ihre Planen spannen und der Duft von frisch gemahlenem Kaffee aus dem Café am Platzrand zieht.
Moulin Vieux: Öl, das nach Zeit schmeckt
Kein Stand zieht den Blick so an wie der der Familie Reynaud. Seit 1873 betreibt sie die Moulin Vieux, eine Olivenmühle am Ortsrand, die heute in fünfter Generation geführt wird. Auf dem Tisch stehen zwei Karaffen, und der Unterschied zwischen ihnen ist größer, als man vermuten würde. Das fruité vert — aus früher Ernte, wenn die Oliven noch grün und straff sind — riecht nach frisch geschnittenem Gras und einem Hauch Artischocke; es beißt leicht im Abgang, angenehm, lebendig. Das fruité noir dagegen entsteht aus fermentierten Früchten: dunkel, rund, mit einer fast buttrigen Wärme, die an Trüffel und reife Feige erinnert. Zwei Philosophien, eine Mühle, hundertfünfzig Jahre Erfahrung im Hintergrund.
Man kauft beide Flaschen. Das versteht sich.
Mittagspause bei Mireille
Gegen halb eins leert sich der Platz, und wer klug ist, folgt den Einheimischen ins Bistro Chez Mireille, drei Gassen weiter, wo die Tische noch mit Papierdecken eingedeckt sind und die Tafel an der Wand nur ein Gericht ankündigt: Daube vom Lamm. Für vierundzwanzig Euro kommt dazu ein halber Liter offener Rosé, der kühl und trocken ist und nach Erdbeere und trockenem Stein schmeckt — kein Wein, über den man spricht, aber einer, über den man schweigt, weil er so gut passt. Das Lamm schmort seit dem frühen Morgen; das Fleisch fällt auseinander, die Sauce ist dunkel und tief, mit Oliven und Orangenschale darin. Draußen streicht die Mittagshitze über den Platz. Drinnen zieht niemand es eilig.
Rocher Blanc: der Nachmittag gehört den Hainen
Wer den Weg zum Rocher Blanc kennt, braucht eine Stunde. Wer ihn nicht kennt, fragt in Mireilles Bistro — dort weiß man es. Der Pfad führt durch alte Olivenhaine, deren Stämme sich in Jahrzehnten in bizarre Formen gedreht haben. Im November liegen die Netze unter den Bäumen, gespannt und still, wartend auf die Ernte; das Licht fällt schräg durch das Silbergrün der Blätter und macht aus dem Nachmittag etwas Zeitloses. Oben, am weißen Kalkfelsen, der dem Aussichtspunkt seinen Namen gibt, öffnet sich das Hinterland in seiner ganzen Stille — kein Meer zu sehen, nur Hügel, Haine, ein Kirchturm in der Ferne.
Auberge du Figuier: fünf Zimmer, ein Feigenbaum
Wer nicht am Abend abreisen will — und das sollte man nicht —, findet in der Auberge du Figuier eine der ruhigsten Unterkünfte, die man sich vorstellen kann. Fünf Zimmer, ein alter Feigenbaum im Hof, und am Morgen ein Frühstück mit Konfitüre aus dem eigenen Garten: Feige, natürlich, dunkel und süß, auf Brot, das noch warm ist. Es gibt Unterkünfte mit mehr Ausstattung. Keine mit mehr Stille.
Saint-Aubin-les-Oliviers ist kein Geheimtipp, den man hüten müsste. Es ist schlicht ein Ort, der funktioniert — auf seine eigene, langsame, donnerstägliche Art.