Dine

Das stille Handwerk der Säure

Im Allgäuer Dorf Obergünbach hat Köchin Marlene Aschauer einen Dreiseithof von 1897 in ein Fermentations-Atelier verwandelt — und beweist, dass Geduld die schärfste Zutat ist.

FERMENTATION HANDWERK ALLGÄU
Das stille Handwerk der Säure — Aufmacher (Dine)
Bukett — Illustration

Es riecht nach feuchtem Stein und etwas Süßlichem, das sich nicht sofort benennen lässt. Wer die schwere Holztür des Lindenhofs aufstößt, betritt keine Küche im üblichen Sinne, sondern einen Ort, an dem Zeit das eigentliche Werkzeug ist. Der Dreiseithof in Obergünbach, 1897 erbaut, trägt seine Geschichte noch im Gebälk — und seit 2021 eine neue: Marlene Aschauer, 43, hat ihn in ein Fermentations-Atelier umgewandelt, das in Süddeutschland seinesgleichen sucht.

Aschauer war zwölf Jahre lang Küchenchefin in München, in Häusern, in denen Präzision erwartet und Tempo gefeiert wurde. Dann entschied sie sich für das Gegenteil. Nicht Langsamkeit als Pose, sondern als Methode. „Säure ist kein Zufall", sagt sie, und in diesem Satz steckt ihr gesamtes Credo: Was in ihren Gefäßen reift, gehorcht Zeit, Temperatur und Geduld — und sonst niemandem.

Die Kammer, in der alles beginnt

Das Herzstück des Ateliers ist die Koji-Kammer, ein kleiner, klimatisierter Raum, der nach warmem Getreide duftet. Hier werden Reis und Roggen 48 Stunden lang mit Edelschimmel beimpft — Aspergillus oryzae, jener Pilz, der in Japan seit Jahrhunderten Miso und Sake ermöglicht und hier, im Allgäu, auf alpines Korn trifft. Aschauer beobachtet den Prozess mit der Aufmerksamkeit einer Uhrmacherin. Temperatur und Luftfeuchtigkeit dulden keine Nachlässigkeit.

Was aus der Koji-Kammer kommt, wandert in die ehemalige Käsekammer des Hofs. Konstant 14 Grad, kein Lichteinfall, eine Stille, die fast körperlich wirkt. Dort reift Aschauers Flaggschiff: Miso aus Alpenroggen und Bergerbsen. Das Ergebnis ist dichter, erdiger und von einer Komplexität, die man eher einem alten Hartkäse zuschreiben würde als einer Paste — was in diesem Haus vielleicht kein Zufall ist.

Wirsing, Kohlrabi, Bergkümmel

Neben dem Miso entstehen im Lindenhof Tsukemono nach Allgäuer Art. Das japanische Prinzip des eingelegten Gemüses trifft auf regionale Zutaten: Wirsing, Kohlrabi und Rettich verbringen vierzehn Tage in Salzlake, aromatisiert mit Bergkümmel. Das Ergebnis ist knackig, leicht scharf, mit einer Säure, die nicht sticht, sondern trägt. Aschauer serviert diese Einlegungen nicht als Beilage, sondern als eigenständige Aussage — über Herkunft, über Handwerk, über den Geschmack einer Landschaft.

Acht Restaurants in Süddeutschland beziehen ihre Produkte aus Obergünbach. Köche, die verstehen, dass eine gute Fermentation eine Küche nicht ergänzt, sondern neu justiert. Einmal im Monat öffnet Aschauer das Atelier für Werkstattkurse — maximal sechs Personen, keine Ausnahmen. Die Enge ist Programm: Wer Fermentation lernen will, soll nah dran sein, riechen, tasten, warten.

Was Marlene Aschauer im Lindenhof betreibt, ist weder Trend noch Nostalgie. Es ist die konsequente Überzeugung, dass die interessantesten Aromen nicht erzwungen, sondern begleitet werden — durch einen langen Winter, durch eine kühle Kammer, durch das geduldige Vertrauen in Mikroorganismen, die ihre Arbeit kennen. Die Säure kommt. Man muss ihr nur den Raum lassen.

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